Regensburgerin on Tour

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Nachtrag 2: Tu was du willst, aber dein Ruf ist alles!

Tja liebe Freunde des gepflegten Kulturschocks, hier ist sie also: Die letzte Etappe meiner Reise. Bisher hatte ich das Glück, dass alle meine Gastgeber gewillt waren, mir etwas über ihr Land zu erzählen. Somit habe ich viel erfahren über Umweltprobleme (Totes Meer), Beduinen (Wadi Musa), Tourismusentwicklung (Aqaba) und warum es toll ist, 30 Kinder von 4 Ehefrauen haben zu können (Wadi Rum). Bisher hat allerdings eine Perspektive auf die Gesellschaft völlig gefehlt: Die weibliche. Alle meine Hosts waren Männer und die wenigen Frauen, mit denen ich sprechen konnte, waren selten in meinem Alter oder des Englischen mächtig. Um so gespannter war ich auf Amman, da mein Host hier tatsächlich eine Frau ist.

Warum hier nur Kerle hosten? Weil Frauen nicht dürfen/können. Eine Frau bewegt sich in Jordanien im Normalfall immer noch nur im Einzugsgebiet eines Mannes, d.h. entweder du wohnst bei Papa oder deinem Mann, aber eine eigene Wohnung, in der du Gäste empfangen kannst, die dir in den Kram passen? Nix da! Meine Gastgeberin lebt dementsprechend bei ihren Eltern und ich habe das Gästezimmer der Familie für die nächsten paar Tage. Wie absurd ein weiblicher Host für jordanische Verhältnisse ist, zeigt die Reaktion meines Gastgebers aus Wadi Rum: Das kann ja nur ne Lesbe sein! Ich habe mir meinen Teil gedacht und mich auf die junge, (vermeindlich) moderne Metropole gefreut. Die Gastgeberfamilie ist halb aus Palästina und halb aus Russland, was sie ein bisschen aus der gesellschaftlichen Mitte raus nimmt und ihnen einen kritischen Blick erlaubt. Dementsprechend lebt die Tochter auch einen vergleichsweise modernen Lebensstil und unsere Gespräche über die Rolle der Frau und der Palästinenser in Jordanien dauerten nie unter 4 Stunden. Somit habe ich die Minenfelder unter den Gesprächsthemen schadlos überstanden.

Aber es gibt ein Thema, da verkrampft sich bei mir alles: Religion! Diese ganze Religionskacke ist so ein Spießrutenlauf: Da wäre mal zum einem die Unmöglichkeit des Atheismus. In Europa würde ich den Teufel tun und behaupten ich wäre Christ (haha, Wortspiel!), aber hier ist man entweder Christ, Moslem oder Jude. Was anderes ist völlig undenkbar. Religion und der Glaube an Gott sind so im Alltag und der Denkweise der Menschen verwurzelt, dass die Option, nicht an Gott zu glauben, dich in die Nähe einer Geisteskrankheit bringt. Da kann ein junger Jordanier noch so viel rumhuren und saufen wie er will – er würde niemals sagen, er sei kein Moslem. Ok, er ist vielleicht ein schlechter Moslem, aber er glaubt bedingungslos an Allah. Na gut, dann bin ich für 5 Wochen eben Christ und spiel das Spielchen mit. Dann kommt allerdings der nächste Knaller: Der Umgang mit anderen Religionen. Die meisten Moslems bringen den „Religionen des Buches“ Respekt entgegen, da sie es respektieren können, dass Juden und Christen an das durch Propheten niedergeschriebene Wort Gottes glauben. Buddhisten hingegen werden nicht ernst genommen, da ihre Religion als von Menschen gemacht betrachtet wird. Aber- und das ist ein ganz großes aber- mir wurde immer wieder zu verstehen gegeben, dass diese Toleranz noch lange keine Begegnung auf Augenhöhe darstellt. Diese Überzeugung, dass der Islam die beste Version der monotheistischen Religionen darstellt, hat den Nebeneffekt, dass man mich gerne bekehren würden. Mein Interesse an Religion(en) ist allein damit zu erklären, dass der jeweilige Glaube unsere Gesellschaften und Kulturen nachhaltig geprägt hat. Wenn ich also versuchen will, kulturelle Unterschiede zu verstehen, dann lohnt es sich fast immer, die jeweiligen Religionen unter die Lupe zu nehmen, da sich hier die Ursachen für unterschiedliche Wertvorstellungen und Handlungsweisen verstecken. Meine Fragen zum Thema Islam werden aber eher fehlinterpretiert. Ich war keine 24 Stunden in Amman, schon wurde mir eine deutsche Ausgabe des Koran geschenkt, die vom Ministerium für islamische Angelegenheiten (oh ja, sowas gibt’s!) offiziell lizenziert wurde. ich habe mich über diese Geste wirklich sehr gefreut, was meinen Gastgeber allerdings veranlasst hat, mir einen ersten Tipp zu geben, wie ich eine gute Muslima werde: Wenn du deine Periode hast, darfst du den Koran nicht anfassen. Der zynische Teil meines Hirns sprang im Dreieck, wie ich ihm jetzt am politisch unkorrektesten mitteile, dass es dafür bereits bei Übergabe des Geschenks zu spät war… Nun will ich aber als Gast im Land niemanden auf die Füße treten, erst recht nicht einem religiösen Familienoberhaupt in seinem eigenen Haus. Von daher nicken und lächeln… wie oft ich das noch brauchen würde, war mir da noch nicht klar.

Ich hatte nämlich eine Sache völlig missverstanden: Wenn eine Frau hier mit Jeans, offenen Haaren und ohne Ehemann durchs Leben geht, dann gilt sie nach örtlichen Standards zwar als modern und westlich, aber das heißt noch lange nicht, dass sie westliche Werte wie Toleranz und Demokratie nachvollziehen, geschweige denn gut heißen wird. Ich habe mich in den ersten Tagen in dieser Familie wirklich wohl gefühlt im Sinne von „Hey, wir ticken ähnlich“, denn die Islam Sache ist für mich zwar ungewöhnlich, aber nicht unangenehm oder gar beleidigend/ bedrohlich. Dann kam das: Im Gespräch über den arabischen Frühling kam der Gedanke auf, dass ein einzelner starker Mann an der Spitze des Landes der arabischen Mentalität eher entgegen kommt, als gewählte Parlamente und demokratische Kompromisse. Dementsprechend stellen Diktatoren wie Mubarak und Assad evtl. das geringere Übel gegenüber Chaos und Bürgerkrieg dar. Als Beispiel kam Saddam Hussein (!), unter dem es zwar viele miese Dinge gab, aber jetzt da er weg ist, ist alles nur schlimmer geworden, was vor allem daran deutlich wird, dass man im Irak jetzt Schwule auf der Straße sehen kann (!!!!!!) So viele Ausrufezeichen passen gar nicht auf den Bildschirm, um auszudrücken, wie sehr mir die Kinnlade aus dem Gesicht fiel. Da sitzt mir eine – auch nach europäischen Maßstäben – starke, unabhängige, gebildete, weit gereiste Frau gegenüber, mit der ich mich von Minute eins an super verstanden habe und dann bringt die so ne Nummer! Mein Gesichtsausdruck sprach anscheinend für sich, so dass sie mich beschwichtigen wollte mit den Worten „Ich weiß, dass siehst du vermutlich anders, weil du aus einer anderen Kultur kommst.“ Da regt sie sich darüber auf, dass sie als Frau in dieser Gesellschaft hart kämpfen muss, um so zu leben, wie sie es will; da verbittet sie sich die Einmischung religiöser Hardliner in ihrem Lebensstil; da will sie mir erzählen, dass der „wahre“ Islam Toleranz und Gleichheit predigt und Fanatiker Sünder sind;  aber wenn jemand schwul ist, willst du ihm oder ihr die Rechte vorenthalten, die du für dich selbst einforderst?! Ja Himmel, Arsch und Wolkenbruch, der Fehler in der Logik ist ja wohl kaum kulturell bedingt! Einen wesentlichen Punkt an der Aussage habe ich da aber noch nicht verstanden: Es geht hier nicht um Homosexualität, sondern um die Sichtbarkeit eben selbiger in der Gesellschaft!

Zwei Tage später waren wir am Abend unterwegs in einem sehr, sehr coolen Laden (http://www.booksatcafe.com/), der von einem offensichtlich stockschwulen Kerl geführt wird. Meine Gastgeberin geht in diesem Laden anscheinend so oft aus und ein, dass sie mit allen Mitarbeitern inklusive Geschäftsführer per Du war. Wie das jetzt mit der hardcore Homophobikerin zusammen passt? Gar nicht! Genauso wenig wie: Wir tätowieren uns nicht, denn laut Koran ist es haram sich selbst zu verletzen, aber unseren Neugeborenen Mädls piercen wir sofort die Ohren?! Alkohol ist ein no-go, weil es dein Verhalten beeinflusst, aber wir Kiffen dafür wie die verrückten?! Ich saufe und hure herum, aber ich bezeichne mich selbst als gläubiger Moslem?!
Das ist nämlich der ganz große Witz an der jordanischen Gesellschaft: Wenn du versuchst sie rational zu greifen, hältst du irgendwann alle um dich rum für vollkommen bekloppt. Diese Gesellschaft besteht aus Widersprüchen – Jordanier, Beduinen, Palästinenser, Syrer, Christen, Moslems, Kuhdorfbewohner und Millionen-Metropole: Jeder schmeißt sein Stückchen Lebensart in den Topf und raus kommt ein Potpourri an Werten mit einem gemeinsamen Nenner: Tu was du willst, aber sorg dafür, dass niemand davon erfährt. Im Endeffekt leben vor allem die jungen Jordanier nach der Prämisse „Du kannst tun was du willst, solang niemand davon erfährt„, denn das ansehen der Familie und der eigene Ruf stehen nach wie vor über allem, egal aus welcher sozialen Schicht und aus welchem Land du kommst. So kam dann auch meine Gastgeberin zu der Erkenntnis „We are all actors!“. Junge Frauen müssen lernen ihre Väter und Brüder zu belügen, um mal ins Kino gehen zu können. Die können sich zwar denken, dass du nicht zur Koranstunde gehst, aber wenn du klar artikulieren würdest, was du tun willst, könnten sie niemals ja sagen! Denn das würde ja wiederum bedeuten, dass sie ihre Rolle als Beschützer nicht ausreichend erfüllen. Ob du diesen Schutz brauchst oder nicht, ist irrelevant, denn es geht darum den Schein nach außen zu bewahren. Ob für die Nachbarn, die Verwandtschaft oder wen auch immer, kann dir niemand beantworten, aber de facto schleicht sich dieses Verhalten so ein, dass „white lies“ zum Alltag gehören und sich die Kommunikation zwischen Jordaniern wie ein Tanz auf Eierschalen anfühlt. In diesem Land wirst du belohnt, wenn du deine Rolle gut spielst. So werden z.B. Autos, die die Flagge des Königreichs im Auto hängen haben, seltener aufgebrochen, als Autos ohne patriotische Bekundung. So kommt es zu der absurden Situation, das palästinensische Flüchtlinge, die sich mit Duldungsstatus im Land aufhalten, tagtäglichen rassistischen Übergriffen ausgesetzt sehen und auch bei der Berufswahl systematisch diskriminiert werden, die Fahne ins Auto hängen. Ist das Überlebenstechnik, sich selbst so zu verbiegen? Wieso kracht es in diesem Land nicht irgendwann gewaltig, wenn sich all diese Alltagslügen und Rollenbilder in puren Frust entladen? Weil das bereits erwähnte Potpourri an Menschen nicht regierbar ist, gibt’s Gesetze, die Majestätsbeleidigung mit Knast ahnden. Na das ist doch mal eine Methode, um eine Nation zusammen zu halten: Tu und denk was du willst, aber der Ruf des Königs bleibt unangetastet.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 25, 2013 von in Jordanien, Tourismus selbst erlebt.

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