Regensburgerin on Tour

Semi-qualifizierte Kommentare über eTourism, Tourismus-Marketing, Social Media und Ähnliches.

Interkultureller Wahnsinn…

Ich erlebe gerade einen 1A Kulturschock. So nett und freundlich die Leute hier auch sind, unsere Vorstellungen von beinahe allen Dingen driften so extrem auseinander, dass es regelmaessig kracht. Wir sind hier in einer Gegend, in der kaum Touristen zu sehen sind und obwohl William (der Projektleiter) eigentlich staendig Gaeste hat, sind wir DIE attraktion schlechthin. Sobald wir zum Supermarkt gehen, sind wir von einer Traube Kindern umzingelt, von den hupenden Autofahrern ganz zu schweigen. Das klingt jetzt zwar spassig, aber spaetestens nach ein paar Tagen wird die permanente Aufmerksamkeit so anstrengend. Die Menschen im Dorf verstehen nicht wirklich, was William da tut, wenn man also sagt, man lebt bei William, bekommt man ein mitleidiges Laecheln, nach dem Motto „Ach, arme, harmlose Irre“. Dementsprechend verbringen wir die meiste Zeit im Haus, was beim Lagerkoller nicht gerade hilft. Denn auch das Konzept von Privatsphaere ist voellig anders. Wir sind hier 4 Volunteers, der Grossvater, 2-3 Kinder, die Schwester, der Bruder, die Cousins…etc.pp. Man ist einfach NIE allein. Wenn die Menschen hier jemanden zu sich einladen, dann laden sie einen wirklich voll und ganz ein – als Liveshow Ehestreitereien inbegriffen. Gestern kam es dann zu einem kleinen Eklat, der mich ehrlich gesagt gar nicht ueberrascht hat: Zwei der Volunteers sind spazieren gegangen, um einfach mal aus dieser engen Situation rauszukommen. Unterwegs wurden sie von einem Einheimischen auf einen Tee eingeladen und da das hier a) sehr normal ist und b) einer der einheimischen Volunteers dabei war, gab es keinen Grund die Einladung abzulehnen, was wiederum als unhoeflich gelten wuerde. Da sassen sie nun also und hatten auch brav Williams Bruder angerufen, damit jemand weis wo sie sind. Nach dem Tee gab es dann ein Glas Whiskey. In Europa ist das nicht wirklich eine grosse Nummer, wenn dem Gast etwas alkoholisches angeboten wird, von daher haben sie nicht abgelehnt, aber ohne es zu wissen, haben sie damit eine Kettenreaktion einmal quer durchs Dorf ausgeloest. In der Region hier gibt es ein grosses Problem mit Alkohol- und Drogenmissbrauch, so dass sich die Tatsache, dass die komischen Fremden Alkohol trinken, in windeseile einmal quer durchs Dorf gesprochen hat, bis schliesslich einer vom Security Office (so wie ich das verstanden habe eine Art Buergerwehr) bei William angerufen hat, damit der gefaelligst seine angeblich sturzbetrunkenen Geaste abholt. Die staunten natuerlich nicht schlecht, als ein wuetender William vor der Tuer stand und damit drohte, sie wieder nach Deutschland zu schicken. Selbst Orebi, der einheimische Begleiter, war sehr verduzt, warum so ein riesen Aufstand veranstaltet wurde.

Im Endeffekt herrscht jetzt kalter Krieg: Die Volunteers verstehen nicht, warum sie der Buhmann sein sollen und fuehlen sich im Projekt nur noch mehr eingesperrt. William und sein Bruder sind sauer auf die Volunteers, warum sie sie in eine so peinliche und fuer die Organisation scheadliche Situation gebracht haben. Einige Volunteers sind bereits am planen, ob sie das Projekt nicht in ein paar Tagen bereits verlassen wollen, was sehr schade waere, weil – vorsichtig ausgedrueckt – die arabische Arbeitsmentalitaet nicht gerade dazu beitraegt das Projekt vorwaerts zu bringen.
Ich fuer meinen Teil sitze recht entspannt daneben, weil dieses Projekt auf meiner Reise nur eine Station von vielen ist, aber ich lerne trotzdem viel darueber, wie man ein internationales Team managed (bzw. ich lerne hier sehr deutlich, wie man es nicht machen sollte…). Wenn man sich junge Leute aus einem anderen Kulturkreis in die Firma holt, kann man nicht erwarten, dass sie die Spielregeln des Gastlandes beherrschen. Aus Sicht der NGO hat William es versaeumt, seinen Volunteers ein paar einfache Verhaltensregeln an die Hand zu geben und jetzt kriegt er die Konsequenzen zu spueren. Aus Sicht des Tourismusprojekts frage ich mich langsam, ob Community based Tourism hier ueberhaupt moeglich ist, wenn die Gemeinde selbst uns 3-4 Fremden gegenueber schon so argwoehnisch ist. Mich laesst der Gedanke nicht los, warum der Typ vom Security Office innerhalb kuerzester Zeit wusste, dass zwei Leute aus dem Projekt bei einem Einheimischen zuhause Alkohol trinken. Versucht hier jemand dem Projekt zu schaden, in dem bewusst Situationen provoziert werden, in denen die Volunteers schlecht dastehen?

Das mal als Status Quo aus dem kochend heissen Ghor al Mazraa. Jetzt noch ein paar schicke Bilder zum anschauen.

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Ein Kommentar zu “Interkultureller Wahnsinn…

  1. cutter kom (@cutterkom)
    März 21, 2013

    hey!
    Schön, von dir zu hören. Ein paar dieser Sachen erinnern mich an China: Fehlendes Verstädnis auf beiden Seiten, die „Überwachung“ etc.

    Wünsch dir eine schöne Zeit und ich les hier brav mit!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am März 20, 2013 von in Jordanien, Tourismus selbst erlebt.

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