Regensburgerin on Tour

Semi-qualifizierte Kommentare über eTourism, Tourismus-Marketing, Social Media und Ähnliches.

„Your are now entering free Derry“

Nachdem ich in letzter Zeit immer wieder über das Thema stolpere wie man Touristen Inhalte sinnvoll und lebendig näher bringen kann, ob klassisch per Stadtführung oder mit neuen technischen Möglichkeiten (Apps, Audio Guides, Augmented Reality etc…), habe ich mich an ein Schlüsselerlebnis in Nordirland erinnert, das für mich die bis dato beste Führung war, die ich je erlebt habe.

_________________________________________________________________

Zunächst muss ich leider einen kleinen Geschichts-Crashkurs unterbringen, der vor Zusammenfassungen, Verallgemeinerungen und Ahnungslosigkeit nur so strotzt…

Die englische Krone wollte ihre Macht über Irland festigen, indem sie Ländereien in Irland an englische und damit protestantische Adelige vergab. So kam es, dass die mehrheitliche katholische Bevölkerung von Protestanten beherrscht wurde und ein Verbot der Religion, der irischen Sprache etc. dazu instrumentalisiert wurde die Landbevölkerung klein zu halten. Als die Osterrevolution 1916 und die anschließenden Ereignisse die Verhandlungsmacht der Unabhängigkeitsbewegung in Irland gegenüber der englischen Krone maßgeblich verbesserten, wurde vor allem der Norden der Insel zum Streitfall, da hier mehrheitlich Protestanten lebten und viele dieser Protestanten fürchteten „home rule“ entspräche „rome rule“. So kam es dazu, dass Nordirland von der Republik Irland gelöst wurde. Während Teile der Unabhängigkeitsbewegung diesen Kompromiss eingingen, frei nach dem Motto „besser als gar nichts“, empfanden diesen Schritt viele als Verrat an den katholischen Iren in Nordirland. Dieser Konflikt mündete in einem Bürgerkrieg, aus dem schließlich Eamon de Valera als erster Präsident der Republik Irland hervorging. Im übrigen ist bis heute in der irischen Verfassung verankert, dass Nordirland sich bei einem positiven Referendum der dortigen Bevölkerung jederzeit der freien Republik Irland anschließen kann.

Der ursprüngliche Zündfunke, die Unterdrückung der katholischen Bevölkerung durch eine protestantische Oberschicht, entsprach aber auch nach der Revolution im Süden der Lebensrealität in Nordirland. Der erste nordirische Präsident sagte wortwörtlich er regiere einen protestantischen Staat für ein protestantisches Volk. So war es z.B. im Wahlrecht verankert, dass nur Hausbesitzer ein Stimmrecht haben sollten, was de facto die armen Katholiken von der Wahl ausschloß. Im Zuge der Bürgerrechtsbewegungen in den USA um 1968 und dem allgemeinen Gefühl des Umbruchs, sahen auch die Katholiken in Nordirland die Zeit gekommen für ihre Rechte aufzustehen. Womit allerdings niemand rechnete, war die kompromisslose und gewaltätige Gegenreaktion der Engländer. Und hier kommt nun Derry auf die historische Landkarte. Im katholischen Viertel Bogside trafen sich regelmäßig die Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung und veranstalteten Protestmärsche. Das wiederum passte den königstreuen, protestantischen Loyalisten nicht, so dass die Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen eskalierte und die englische Regierung gezwungen sah Soldaten nach Nordirland auszusenden. Am 30. Januar 1972 sollte in dieser aufgeheizten Stimmung ein Protestmarsch gegen unrechtmäßige Verhaftungen von katholischen Bürgern stattfinden, bei dem ein Battalion Fallschirmjäger für Ruhe sorgen sollte.

© BBC News

Was dann passierte, habe ich mir von Eugene erzählen lassen. Optisch ein Hooligan wie er im Buche steht, mit Glatze, breitem Kreuz und martialisch anmutender, grüner Bomberjacke. Eben diese Jacke macht jedem in Derry klar, mit wem sie es zu tun haben: Eugene war bei der IRA. Eugene war bereit für seine Sache zu töten und selbst zu sterben. Eugene saß für 8 Jahre im berüchtigten the Maze Gefängnis. Wofür er einsaß, wollte ich gar nicht erst wissen. Gleichzeitig war dieser Kerl unglaublich eloquent, gebildet, Vater von 2 Kindern und ein angenehmer Zeitgenoße. Was bringt so einen Menschen dazu sich einer paramilitärischen Organisation und damit dem bewaffneten Untergrundkampf anzuschließen? Am 30. Januar 1972 wurden bei einem Protestmarsch 13 unbewaffnete Menschen von britischen Soldaten erschoßen. Die Meisten gerade mal 17 Jahre alt. Dieser Tag ist heute bekannt unter dem Namen Bloody Sunday. Für diese Taten (und man kann es nicht anders nennen) wurde kein einziger Soldat verurteilt. Im Gegenteil: Viele eindeutig als Schützen identifizierte Soldaten bekamen für ihren Einsatz sogar Ehrenmedaillen. In diesem Klima von Ohnmacht, Wut und Gewalt wuchs Eugene in der Bogside auf. Eugene musste miterleben wie sein 12 jähriger Nachbar erschoßen wurde. Eugene muss heute als Erwachsener mitansehen wie viele seiner Mitbürger in der Bogside an schwerem Asthma oder sogar Krebs erkranken, vermutlich Spätfolgen der Gaseinsätze in der Bogside. Bis heute ist nicht klar, welches Gas eingesetzt wurde und es gibt Hinweise, dass die katholische Bevölkerung als Versuchskaninchen für neue Kampfstoffe herhalten musste. Letztendlich wurde die Gewalt in Nordirland so massiv und auch von Seiten der englischen Regierung so unverhältnismäßig, dass die Weltöffentlichkeit aufmerksam wurde und die verfeindeten Parteien endlich bereit waren sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Der Friedensvertrag ist bis heute ein fragiler und regelmäßig liefern sich Ewiggestrige kleinere Scharmützel, aber die Mitte der Bevölkerung lebt heute in einer friedlichen, gleichberechtigten, modernen Gesellschaft.

Während der Führung hat Eugene eine Emotion nicht gezeigt: Hass. Für mich war die große Quintessenz dieser Führung, dass es manchmal notwendig ist sich zu wehren, aber es auch nötig ist zu erkennen wann ein Kampf zu Ende ist. Manch einer meint zwar nach wie vor Soldaten abknallen zu müssen (zuletzt 2009), aber im Endeffekt hat Eugene erreicht, was er sich erhofft hatte. Seine Söhne haben nun die selben Rechte und Möglichkeiten, wie ihre protestantischen Nachbarn. ich habe es in Belfast im Ulster Museum selbst erlebt, wie ein irischer Junge vor einem Foto eines IRA Kämpfers stand und seine Mutter fragte, ob das ein Taliban wäre. Wie großartig, dass nach nur einer Generation ein Kind in einem ehemaligen Bürgerkriegsgebiet Gewalt nur noch aus dem Fernsehen kennt. Heute haben die Menschen in der Bogside es sich auf die Fahne geschrieben gegen Unrecht und für Menschenrechte überall auf der Welt einzutreten und zu zeigen, dass Veränderung auch in einem gewaltätigen Konflikt nur politisch erreichbar ist. Beispielsweise wurde die berühmte Free Derry Wall, die lange als Treffpunkt der Bürgerbewegung diente, pinkfarben gestrichen, um sich für die Rechte Homosexueller einzusetzen.

Wer jemals in diese Ecke der Welt kommen sollte: Macht diese Führung mit! Nicht wegen des geschichtlichen Wissens und der komplexen Zusammenhänge, die wirklich fantastisch rüber gebracht werden, sondern wegen der Emotionen, die nur jemand transportieren kann, der dabei war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 2, 2012 von in Irland, Tourismus selbst erlebt.

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 205 Followern an

Regensburgerin on Twitter

Fehler: Twitter hat nicht geantwortet. Bitte warte einige Minuten und aktualisiere dann diese Seite.

%d Bloggern gefällt das: