Regensburgerin on Tour

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Die Iren und der Alkohol

Aus Mangel an Zeit, Nerven und sonstiger Motivation verspätet, aber immerhin: Ein kleiner Irland Nachschlag.

Ein kleines Assoziationsspiel: Was kommt euch als erstes in den Sinn, wenn ihr an Irland denkt? Grüne Wiesen, Schafe, rothaarige Menschen und…ja wohl…Alkohol! Ob man nun als erstes an Guinness oder an Whiskey denkt, ist dann Frage des eigenen Geschmacks. Nichtsdestotrotz ist und bleibt Alkohol Teil des irischen Images. Das wissen die Iren auch gut zu vermarkten.

Die Guinness Brauerei in Dublin ist mit gut einer Millionen Besucher pro Jahr die beliebteste Attraktion des Landes. Ob das nun berechtigt ist, sei mal dahingestellt. Wesentlich besser gefallen hat mir die Jameson Distillery, die in Dublin und kurz vor Cork zwei Besucherzentren hat und im Gegensatz zur Guinness Brauerei eine tolle Führung anbietet. Dann es da natürlich noch Smithwicks bzw. die Kilkenny Brauerei in der St. Francis Abbey zu Kilkenny, das Tullamore Dew Besucherzentrum und die Bushmills Distillery in Nordirland, Baileys Liköre und Bulmers Cider. Nicht zu vergessen DAS Mekka für Bierfreunde in Dublin: Das Porterhouse. Passend dazu der Mythos Temple Bar in Dublin als Nummer 1 Vergnügungsviertel und der kleine, rothaarige, streitbare weil besoffene Leprechaun auf T-Shirts, Aschenbecher und Flachmännern für die Lieben daheim. Wer nur kurz da ist und nicht die Zeit hat sich in die Pubszene einzuarbeiten, der kann eigentlich an jedem Tag der Woche mit einem Dutzend anderen Dublin Besuchern an einem Pub Crawl teilnehmen, d.h. ein ortskundiger und trinkfester Ire führt einen durch Tempelbar mit der Frequenz von einem Pub/Getränk alle 45 Minuten. Klingt anstregend, ist es auch. Dafür erlebt man mal live wie ein „richtiger“ Ire sein Guinness trinkt. Das darf nämlich nur 4 Sekunden dauern. Ein Kurzer hinterher versteht sich von selber.

Das klingt alles wahnsinnig lustig und ist es im Endeffekt als Tourist auch, aber jeder, der München als „Zivilist“ während des Oktoberfestes ertragen muss, ahnt schon wie viel Spaß es macht Samstag Mittag durch Temple Bar zu gehen und vor lauter Kotze und Scherben Zick Zack zu laufen. Nun muss man ehrlicherweise sagen jedes Land in Europa hat seine Trinkkultur und auch seine Problemchen mit der Trinkerei, aber man muss die Relationen im Auge behalten. Mir wurde von einem Dozenten erzählt (Ich habe leider keine Zahlen dafür gefunden), dass die Finnen und die Iren die höchste Selbstmordrate in Europa haben. Die Finnen dank der langen düsteren Wintermonate, die Iren dank der Sauferei. Heißt jedes Jahr säuft sich in Irland eine beträchtliche Zahl an Menschen in die Psychose.

Hier mal die Fakten:

  • Ireland continues to rank among the highest consumers of alcohol in the 26 countries in the enlarged EU. We drink about 20% more than the average European
  • Alcohol-related problems cost Ireland an estimated €3.7 billion in 2007 – that’s a cost of €3,318 on each person paying income tax in Ireland
  • Each night, 2,000 hospital beds are occupied for alcohol-related reasons
  • Treating alcohol-related injuries and diseases cost the healthcare system an estimated €1.2 billion – around 8.5% of the total annual healthcare budget
  • Alcohol use is often a factor in suicidal behaviour. In 2006/2007 alcohol was a factor in 41% of all cases of deliberate self-harm
  • Every seven hours, someone in Ireland dies from an alcohol-related illness
  • One in four deaths of young men aged 15-34 is due to alcohol

Das sind nur die Zahlen, die mir besonders aufgefallen sind. Eine Übersicht der Statistiken gibt es hier.

Würde es beim romantisch verklärten Feierabendbierchen im Pub bleiben, hätten die Iren kein Problem, aber die Iren sind meisterlich in Sachen Binge-Drinking: Quantität vor Qualität mit den dementsprechenden Folgen. Genußtrinken, was ist das? Möglichst schnell möglichst blöd werden lautet die Devise. Der Knackpunkt für mich als Gast in diesem Land lag nicht im Trinken als solches (da hab ich schon fröhlich mitgemacht…), sondern in der allgemeinen Akzeptanz von Totalausfällen und der damit verbundenen Menge Alkohol. Da wird auch mal ein Betrunkener, der um 18 Uhr abends auf eine zweispurige Straße fällt, von der Polizei aufgehoben, umgedreht und in die entgegengesetzte Richtung geschubst. In Deutschland wäre bei einem selbst- und h Verhalten die Ausnüchterungszelle fällig und das absolut zu Recht. Es ist wichtig dazu zu sagen, dass diese massive Trinkerei nicht einem gewissen Parkbank Milieu vorbehalten ist. In Dublin hat jeder noch so kleine Supermarkt einen Sicherheitsmann an der Tür stehen und ich dachte zunächst es gäbe vielleicht ein Problem mit Ladendiebstahl in Irland, aber bald habe ich festgestellt, dass betrunkene Hausfrauen um 12 Uhr mittags das größere Risiko sind.

Jetzt fragt man sich natürlich warum ist das so? In diesem Artikel von 1974 sind ein paar Faktoren aufgeführt, die mir zwar an Irland aufgefallen sind, die ich aber nie mit Alkoholismus in Verbindung gebracht hätte. Es gibt in Irland keine Kaffeehaus Kultur, Biergärten (Wetter!) oder andere Orte für soziale Kontakte außer dem Pub, d.h. wer Gesellschaft will, muss in eine Bar. Gleichzeitig war Irland in den meisten Epochen seiner Geschichte sehr arm und die Bevölkerung musste sich was einfallen lassen, wie man satt und warm wird, was zu sehr kräftigen Bieren als Ersatznahrung führte. Ergo „drinking is an integral part of the social and cultural pattern, and Irish people do not disapprove of
drunkenness.“ Zugegeben ich habe auch genug Iren kennen gelernt, die den Spieß umdrehen und so gut wie gar nichts trinken, eben weil ihnen das Verhalten ihrer Mitbürger aufstößt.

Die wirklich perverse Situation in Irland ist, dass man als Gesellschaft einerseits im Gesundheitswesen etc. gewaltig draufzahlt, gleichzeitig aber sein Image aus wirtschaftlichen Gründen pflegt. Die schon genannten Alkoholmarken gehören fast alle zum großen Diageo Konzern aus Nordirland, der desweiteren Captain Morgan, J&B, Crown Royal, Johnnie Walker, Smirnoff, Jose Cuervo Tequila und Tanqueray Gin vertreibt. (Jetzt kann mal jeder für sich überlegen wie viel Geld er diesem Konzern schon in den Rachen geworfen hat…). Eben dieser Konzern hat in der Urlaubsbroschüre für Belfast die erste Umschlagsseite komplett eingenommen, sprich hier findet eine bewusste Verbindung von Alkohol und Urlaub als Imagegenerator statt. Keine Imagebroschüre über Irland wird jemals ohne ein Foto von einem Pub, einem Pint Guinness oder Musikern im Pub auskommen. Daran ist prinzipiell nichts verwerflich, siehe die Verbindung Bier und Bayern oder Wein und Rheingebiet, aber man muss sich auch klar machen, was für Gäste man da anlockt. Beispielsweise wird Dublin jedes Wochenende von Junggesellen Abschieden aus England mit dem dazugehörigen Verhalten geradezu überschwemmt.

Fazit: Als Urlauber in Irland hat man natürlich einen Heidenspaß, aber wer länger als 2 Wochen bleibt, fragt sich schnell, ob das Bedingungen sind, unter denen man leben will. Irland sollte sich nicht nur in Sachen Tourismus sondern auch als Gesellschaft mal überlegen wie viel Alkohol eine kleine Insel mit 4 Millionen Leuten tatsächlich verträgt. Allerdings sehe ich in der momentanen Finanzkrise mit der damit verbundenen depressiven Stimmung wenig Nachfrage für Saft…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Februar 14, 2012 von in Irland, Tourismus selbst erlebt.

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