Regensburgerin on Tour

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Europa kränkelt

In der Schule habe ich gelernt Europa sei etwas Gutes. Ich habe gelernt was ein freier Wirtschaftsraum ist und was Freizügigkeit bedeutet. Europa bedeutet, dass wir alle reich werden und ganz viel spontan in den Urlaub fahren können. So hatte man sich das zumindest ursprünglich gedacht….

Dann haben die ersten begriffen, dass ein freier Wirtschaftsraum nicht nur mehr potentielle Kunden bedeutet, sondern auch mehr potentielle Konkurrenten. Freizügigkeit bedeutet nicht nur bequem in den Urlaub fahren und Austausch toller, junger, gut ausgebildeter Menschen, sondern auch Zuzug von schlecht qualifizierten Glücksrittern. Na gut, damit konnten alle leben, zumindest so lange unser Lebensstandard nicht angegriffen wird. Dann gabs da ein kleines Land namens Griechenland. Einst ein riesen Imperium und die Wiege des Europa-Gedankens hatte es sich irgendwann in einen Haufen Opportunisten verwandelt, welche die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft und Solidarität, sprich die Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Sicherheit Europas, zu ihren Gunsten nutzten und lange Zeit lebten als gäb es kein Morgen mehr. Doch dann kam dieser Morgen an dem Griechenland merkte, dass es pleite war. Das ganze Land war schlicht und ergreifend bankrott. Der Rest Europas war da ein bischen überrascht, da es sich einst eigentlich Kontrollgremien einfallen hat lassen, die solche Entwicklungen frühzeitig erkennen und beheben sollten. Womit allerdings keiner gerechnet hat, war die Tatsache, dass ein Land einfach nach Strich und Faden bescheißt und bischen an den Zahlen rumdreht.

Der Mitteleuropäer hat zur Kenntnis genommen „Aha, die sind pleite. Und? Billiger Griechenlandurlaub, ich komme!“. Dass wir einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und eine gemeinsame Währung haben, haben einige kurz vergessen. Im Endeffekt heißt das nämlich die Probleme anderer europäischer Staaten sind über kurz oder lang auch unsere Probleme. Wenn in einer Firma 5 Gesellschafter sind und einer dieser Gesellschafter geht pleite und führt sich auf wie die letzte Rampensau, dann hat man zwei Möglichkeit: Den Penner loswerden oder ihm wieder auf die Beine helfen. Den Penner loswerden (sprich Griechenland kriegt wieder Drachmen) würde allerdings bedeuten, dass sich Europa eingestehen muss, dass es ordentlich versagt hat. Den Penner behalten bedeutet sau viel Geld reinzupumpen. Weil die anderen europäischen Länder aber natürlich keine Lust haben (bzw. es auch gar nicht können…) Griechenland im Alleingang zu sanieren, müssen die Griechen bissel mithelfen. Ergo wird alles, was bisher der Staat gezahlt hat, gekürzt wie es nur geht. Renten, Sozialleistungen, Bildung, Beamtengehälter, Gesundheitssystem.

Damit tragen die einfachen Bürger das, was – wenn man mal ehrlich ist – ein paar Anzugträger vergeigt haben. Weil es allerdings einfacher ist sich einen Buhmann zu suchen, als sich einzugestehen, das man die letzten Jahre auf Pump gelebt hat, ist jetzt die EU die Böse. Vor allem Angie Merkel wird von einem Teil der Griechen mit Leidenschaft gehasst, weil sie deutlich zum Ausdruck gebracht hat „Liebe Griechen, wenn ihr nicht ordentlich mitspart, dann können wir euch nicht helfen.“ Die Angie hat auch ein bischen Panik, weil sich allmählich abzeichnet, dass die Griechen kein Einzelfall sind… die Portugiesen sind nämlich ebenfalls kurz vor dem Bankrott und in Spanien rumort es ordentlich. Plötzlich zeigt sich, dass Europa nicht nur Spaß macht, sondern im Ernstfall auch bedeutet für den anderen in die Bresche zu springen und auf einmal ist Europa nicht mehr was ganz tolles, sondern eigentlich war man ja schon immer dagegen und überhaupt. Und weil Europa ja eh so ein Sauhaufen ist, gönnt es sich Dänemark mal eben die Grenzen wieder zu kontrollieren, einige Länder schikanieren ethnische Minderheiten, die Ungarn führen während ihrer Ratspräsidentschaft die gute alte Zensur wieder ein und Beitrittskandidaten fragen sich, ob sie wirklich noch Mitglied im Club werden wollen.

Ich finde das – gelinde gesagt – zum Kotzen! (Ja, das war tatsächlich ein Joe Waschl Zitat in einem politischen Kommentar). Auf den Punkt bringt es Juli Zeh in der Merian Ausgabe 06/11:

„Hier zeigen sich die Auswirkungen des Kuhhandels, der auf dem gesamten Kontinent gilt: Europa-Liebe gegen Lebensstandard. Wenn Letzteres nicht steigt, sinkt die erstgenannte. […] Weil die Liebe zum Geld keine echte Gemeinschaft, sondern Zweckbündnis aus Millionen von pragmatisch denkenden Einzelwesen hervorbringt, taugt sie allein wenig, wenn es darum geht, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.“

Ganz elementar finde ich, dass sie nicht von einem sinkenden Lebensstandard, sondern von einem nicht steigenden Lebensstandard spricht. Gehts uns in der Masse schlecht? Scheiße, nein! Europa ist nach wie vor eine Insel der Sorglosen. Wie sehr sich Europa bereits in unserer Mentalität verfestigt hat, wurde mir gestern in der Arbeit klar. Ein Kollege hat zu einer Aushilfe gesagt, dass sie bei ihrem Lebenswandel in manchen Ländern vermutlich schon gesteinigt worden wäre. Daraufhin meinte sie allen ernstes: „Wenn ich in so einem Land leben würde, würde ich halt wo anders hingehen.“ Die Tatsache, dass es im Rest der Welt nun mal nicht geht einfach über die Grenze zu spazieren, war ihr in dem Augenblick gar nicht klar. Gerade für eine junge Frau, die kurz nach der Wende geboren wurde, ist diese Freizügigkeit ein wertvolles Gut und wir sollten uns viel öfter vor Augen führen, was die EU einem jeden von uns gebracht hat. Allein die Tatsache, dass Mecklenburg-Vorpommern ohne die Interreg-Förderprogramme der EU ein ausgestorbener Landstrich wäre…

Die Spanier machen uns europäisches Denken gerade vor: In ihrem Land geht nichts vorwärts, also lernen viele gut ausgebildete Spanier Deutsch um hier Fuß zu fassen. Wäre das ohne die EU möglich? Nein, natürlich nicht. Wäre Spanien ohne die EU in der selben Lage? Vermutlich schon einige Jahre bis Jahrzehnte früher! Und wenn jetzt auch nur ein Deutscher denkt „Ohoh, die Spanier nehmen uns die Arbeitsplätze weg“… Herrschaftszeiten, SpanierInnen! Viele davon! In diesem Sinne ein Hoch auf Europa.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juni 11, 2011 von in Sonstiges.

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