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Berlin oder: Wie viel Hippness verträgt eine Stadt?

2 Millionen Gäste haben sich am Osterwochenende durch Berlin geschoben. Ich war eine davon und könnte jetzt was über Currywurst und Kebab erzählen, aber ich bin Touristiker und habe deswegen das Wochenende auch dazu genutzt mir ein Bild von der Situation in Berlin zu machen. Anfang dieses Jahres konnte die Berlin Tourismus Agentur sensationelle Zahlen vorlegen. Nach gerade einmal 20 Jahren, in denen Berlin als Stadt in dieser Form existiert, ist Berlin bereits die drittwichtigste Destination unter den europäischen Städten. Unerreichbar bleiben nur Paris und London. Der Rubel rollt, aber eben nicht nur der, sondern auch die Besucherströme.

Wer nach Berlin fährt, will eine moderne, aufregende, trendige Stadt erleben. Partys in besetzten Häusern, Underground Stadtführungen, schräge Vögel und Insidertips. Aber was passiert mit „Szenevierteln“, in die tagtäglich hunderttausende Besucher einfallen? Mieten steigen, kleine Läden müssen internationalen Ketten weichen, die ursprüngliche soziale Struktur zerfällt. In Berlin melden sich die ersten Stimmen, die das uneingeschränkte Wachstum in Frage stellen. So haben z.B. die Grünen unter dem Motto „Hilfe, die Touris kommen“ genau die wunden Punkte der Kiezbewohner getroffen.

Ich kann beide Seiten verstehen. Finanziell ist das gerade für den Einzelhandel ein Segen, aber andererseits muss man aufpassen, dass die Flut an Fremden nicht genau das kaputt macht, was Berlins Charme und Image ausmacht, nämlich das dreckige, unpolierte, freche. Es ist schon faszinierend zu sehen, welche Auswüchse diese Jagd nach DEM Berlinerlebnis trägt. Ich gebe ja zu, ich bin keinen Deut besser. Wir haben einmal bei Curry 36 und einmal im Hasir Kreuzberg zu Abend gegessen. Beide Lokale kannte ich aus dem Fernsehen… Auf dem Weg zu Curry 36 kamen wir an einem mobilen Kebab Stand vorbei, an dem ungelogen eine Schlange von 50 Metern anstand und das für vegetarisches Kebab! Im Vorbeigehen sah ich, dass diese Imbissbude im Prinz Magazin als eine der Toplocations 2011 ausgezeichnet wurde. Eine Erwähnung in einem Stadtmagazin reicht in Berlin also aus um Steinreich zu werden. German Dream? Für den Standbesitzer ja, aber für den einfachen Berliner, der sich da ab und an nen Döner geholt hat ein Alptraum. Außer Touris auf der Jagd nach guten Stories für Zuhause stellt sich niemand 20 Minuten für ein Stück Fladenbrot mit Gemüse an.

Naja, vielleicht ist das auch einfach der Lauf der Dinge. Abgefuckte Stadtviertel werden plötzlich von jungen kreativen eingenommen, schon steigen die Mieten und zack ist der erste Starbucks da. Dennoch ist es interessant zu sehen, dass eine Diskussion über nachhaltigen und verträglichen Tourismus nicht mehr nur in irgendwelchen karibischen, naturbelassenen Destinationen stattfindet, sondern die Städte erreicht hat. Relativ unglücklich finde ich die Art wie sich Burkhard Kieker, Chef der Berlin Tourismus GmbH, zu dieser Thematik geäußert hat. „Für Berlin ist das nicht gut. Und vor allem passt es gar nicht zu Berlin, denn die Berliner sind extrem gastfreundlich und offen. Wir sollten aufpassen, dass nicht eine Minderheit von Menschen, die Schwierigkeiten mit der Welt haben, den Eindruck von Berlin trüben.“ Wenn man seine Wohnung nach 30 Jahren aufgeben muss, weil man sich die Mieten nicht mehr leisten kann, besoffene Backpacker einem in den Türgang pissen und man nachts kein Auge zu bekommt, weil die Lärmbelastung exorbitant zugenommen hat, dann hat man also Schwierigkeiten mit der Welt?! Respekt Herr Kieker, so kann man natürlich auch mit den Ängsten der Menschen umgehen. So faktisch richtig das ganze Interview sein mag, ein bisschen Fingerspitzengefühl und Verständnis würde vermutlich die Schärfe aus der Diskussion nehmen.

(Sollte das jemand von VisitBerlin lesen: Ich würde jederzeit für euch arbeiten 😉 )

Als Touristiker arbeitet man nicht MIT einer Stadt, sondern FÜR sie und das bedeutet auch die Belange der Bewohner im Auge zu behalten. Ganz abgesehen davon, dass es im Interesse eines langfristigen Geschäftsmodelles wäre, wenn Berlin nicht zum Freilichtmuseum verkommt. Aber klar: Was soll die Stadt machen? Soll bzw. kann man Hotelneubauten verbieten? Man kann auch schwerlich jeden Gast vor seinen Besuch in eine Benimmschule schicken. Wie so oft bleib nichts anderes übrig als auf die Rücksicht und den gesunden Menschenverstand der Touristen zu hoffen. (Touristen und gesunder Menschenverstand in einem Satz ist schon eine Farce…)

Ich bin sehr gespannt wie es in Berlin weiter geht. Ich werde mit Sicherheit wieder hinfahren, bin aber auch froh jetzt nach meinem zweiten Berlin Besuch den ganzen Touri-Kram abgehandelt zu haben und beim nächsten Besuch mehr Zeit für das „echte“ Berlin zu haben…wenn es das dann noch gibt.

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Ein Kommentar zu “Berlin oder: Wie viel Hippness verträgt eine Stadt?

  1. Pingback: Lesenswertes: Berlin und Angst » Schafott

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 27, 2011 von in Der Rest der Welt, Tourismus selbst erlebt.

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