Regensburgerin on Tour

Semi-qualifizierte Kommentare über eTourism, Tourismus-Marketing, Social Media und Ähnliches.

Ossis, Wessis und der kleine Unterschied.

Ich war naiv genug zu glauben, dass ich um dieses Thema herum komme. Als Jahrgang ´88 hat die DDR für mich nie existiert. Die DDR ist etwas aus dem Schulbuch und Menschen aus den neuen Bundesländern sind keine Ausländer, sondern Deutsche aus einem anderen Eck der Nation. Klar habe ich die „Ossis“ im Studium immer mal wieder aufgezogen und blöde Witze gemacht (Weil wir grad dabei sind: Kann man eine Banane als Kompass benutzen? Klar. Man legt sie einfach quer auf die Mauer und an dem Ende, an dem am nächsten Tag ein Stück abgebissen wurde, ist Osten…), aber das mache ich mit Franken, Hessen, Schwaben, Niederbayern etc. genauso. Das ist weder wertend, noch böse gemeint. Meine gefühlte Reiserichtung nach Stralsund war auch nicht von West nach Ost, sondern von Süden nach Norden. Dementsprechend irritiert war ich als mein Chef im Bewerbungsgespräch zu mir sagte „Ihnen ist schon klar, dass sie dann im Osten arbeiten?!“. Ich dachte er wollte testen, ob ich evtl. Vorurteile habe oder mit der Einstellung rüberkomme „So ihr dummen Ossis, jetzt zeigt euch Bayern mal wie der Laden hier läuft“. Von daher war es mir wichtig sofort klar zu stellen, das diese Ost-West-Sache kein Thema für mich ist…. Heute weiß ich, ich hatte einfach keine Ahnung auf was ich mich da einlasse.

Das mal 300 und du hast den Stadtteil Grünhufe

Das mal 300 und du hast den Stadtteil Grünhufe

In der letzten Woche verging nicht ein Tag, in dem ich nicht mit jemanden über die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland gesprochen habe und jedesmal ging das Gespräch von einem Ossi aus. Es fällt auf, dass die Menschen hier dazu neigen sich selbst und ihre Heimat klein zu reden. Man wird nicht gefragt „WAS machst du hier?“ sondern „Warum bist du HIER?!“. Die wenigsten Stralsunder können nachvollziehen, dass jemand aus Bayern freiwillig hier her kommt und hier etwas interessantes vorfindet. Es gibt keinerlei Wertschätzung für die eigenen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Wenn man beispielsweise davon erzählt, wie ein bestimmtes Problem in anderen Städten gelöst wird, dann wird nicht darüber nachgedacht, wie man hier etwas ähnliches machen könnte, sondern es kommt sofort das Todschlagargument „Das geht hier nicht, weil….“. Es herrscht eine Stimmung, die wenig Raum für neue Ideen und Experimente lässt. Viel mehr macht sich eine Art Fatalismus breit bzw. Resignation. Man erkennt zwar was schief läuft, ist aber nicht bereit etwas zu ändern, weil es eh keinen Sinn hätte. Jetzt könnte man meinen diese Einstellung würde mit der nachfolgenden Generation, welche die DDR aktiv nicht mehr erlebt hat, verschwinden, aber Pustekuchen. Wenn man hier durch die Straßen geht, sieht man fast nie jemanden zwischen 20 und 30. Diese allgemeine Scheißstimmung vertreibt nämlich junge kreative Köpfe. Der regionale Radiosender bringt jeden Samstag eine Sendung, in der es nur um Leute aus MeckPom geht, die wo anders hingezogen sind…. ich dachte ich hör nicht richtig. Rein von der Menge an Menschen, die aus Bayern stammen, aber nun wo anders leben, wäre diese Sendung bei uns zuhause auch denkbar, aber es würde sich niemand dafür interessieren. Vielmehr würden viele Zuhörer sagen „Warum sind die Trottel von hier weg?“. Hier hingegen ist diese Sendung so eine Art sehnsuchtsvoller Ausblick, dass es auch für den einfachen Arbeiter möglich ist von hier weg zu kommen.

Stralsund hat es innerhalb von 20 Jahren geschafft aus dem Nichts heraus eine touristische Bedeutung zu bekommen und damit einen völlig neuen Wirtschaftszweig implementiert, der neben der Volkswerft der einzige große Arbeitgeber der Region ist. Das war aber nur möglich, weil sich findige, motivierte Leute dieser Aufgabe angenommen haben, aber selbst denen geht langsam die Puste aus. Imkompetente Leute gibt es überall, aber im Zweifelsfalle haben die gegen fähige Leute keine Chance. Wenn nun aber die fähigen Leute alle wegziehen, dann bleiben nur noch die Pappnasen… Dementsprechend muss man sich hier sehr oft an den Kopf fassen, wenn man sich das völlige Fehlen von Geschäftstüchtigkeit und Dienstleistungsgedanken vor Augen hält. Da bringt es eine Fahrgastschiffahrt, die zu 90% vom Tourismus lebt, fertig ihren Fahrplan für die Saison erst einen Tag vor Saisonbeginn der Tourismus Zentrale mitzuteilen… Seit Dezember gibt es Buchungsanfragen, die alle vertröstet werden mussten, weil einfach keine Fahrpläne vorlagen. Das ist bares Geld, das man einfach nur einsammeln bräuchte! Und als ob das nicht schon skurril genug wäre, begreifen die Verantwortlichen nicht mal, dass sie Scheiße bauen. In einer Wettbewerbssituation in Westdeutschland könnte ein solcher Betrieb nicht überleben.

Auch die Lokalpolitik bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm: Die Woche ist ein Stadtratsmitglied dabei ertappt worden, wie er Klopapier aus dem Rathaus geklaut hat. Man vermutet, dass der Gute im Laufe der Zeit um die 200 Rollen Klopapier mitgehen hat lassen. Stralsunds Ex-Bürgermeister steht grad wegen Untreue vor Gericht. In einem Ostseebad haben einige Kandidaten ihre Bewerbung für den Posten des Kurverwaltungsleiters wieder zurück gezogen, nachdem sie Drohbriefe bekommen haben. Und das sind nur die Vorfälle der letzten 2 Wochen, an die ich mich spontan erinnern kann! Mecklenburg-Vorpommern ist der „Wild West“ der BRD, nur eben im Osten (mieser Wortwitz, ich weiß…).

Es tut mir ehrlich leid das sagen zu müssen, aber wenn in dieser Region nicht ein fundamentales Umdenken stattfindet, dann könnte dieser Landstrich in 10 bis 20 Jahren noch mehr heruntergewirtschaftet sein, als er das zu Zeiten der Wende war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am April 17, 2011 von in Stralsund, Tourismus selbst erlebt.

Um neue Beiträge per E-Mail zu erhalten, hier die E-Mail-Adresse eingeben.

Schließe dich 205 Followern an

Regensburgerin on Twitter

Fehler: Twitter hat nicht geantwortet. Bitte warte einige Minuten und aktualisiere dann diese Seite.

%d Bloggern gefällt das: